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Die Geschichte unserer Fahne

Die Geschichte der Vereinsfahne
des Männergesangvereines 1853 Süchteln-Vorst:
Wie Sie in den letzten Kriegstagen verschwand
und knapp 60 Jahre später zurückkehrte

Von Jens Krees, erschienen im Heimatbuch des Kreises Viersen 2010.




Am 1.März 1945 nahmen Soldaten der 84. US-Infanterie-Division von Dülken kommend Süchteln gegen geringe Widerstand ein. Das Leben der Süchtelner war zwar durch den Krieg geprägt und durch die totalitäre Herrschaft der Nationalsozialisten bedrückt, aber viele Schrecken und ein großes Kriegsleid waren den Einwohnern der „Stadt im Grünen“ doch erspart geblieben. Obwohl das Wirtschaftsamt die Lebensmittelrationen seit 1940 um ein Drittel verringert hatten, ging es den über 10.000 Einwohnern noch gut.

 

Der Stadthistoriker und Zeitzeuge Klaus Marcus berichtet:
„Viele Süchtelner hatten einen Garten für Gemüse und Kartoffeln, und manche hatten auch ‚ihren‘ Bauern auf dem Hagen oder im Clörath wohnen, bei dem sie sich von Zeit zu Zeit etwas ‚Narhaftes‘ holen konnten. Gehungert wurde nicht.“
Auch aus Süchteln flohen Frauen und Kinder in vermeintlich bombensicherere Gegenden des Landes – 1943 in den Süden, 1945 in rechtsrheinische Gebiete. Vergleichsweise aber blieb die Stadt von Bombardements der Alliierten verschont.


Wie die Fahne verschwand

Am Abend des 1. März 1945 gegen 22 Uhr hatten die US-Truppen Süchteln besetzt. Die Bevölkerung harrte noch in ihren Häusren und Kellern aus.
„Im Laufe des 2. März durchsuchten Trupps amerikanischer Soldaten alle Häuser der Stadt, um nach versteckten Soldaten und Waffen zu fahnden. Sie waren gründlich, schauten vom Keller bis zum Speicher in jeden Schrank, öffneten jede Schublade:“
Danach teilten die US-Soldaten den Süchtelnern über Lautsprecher mit, dass am nächsten Morgen von sieben bis acht der Ausgang erlaubt sei.

Die amerikanischen Soldaten zwangen die Bewohner der einen Seite der Grefrather Straße, ihre Wohnhäuser zugunsten einer Einquartierung der Besatzer zu räumen.
Jene Tage Anfang März 1945 müssen die Tage gewesen sein, in denen dem Männergesangverein 1853 Süchteln-Vorst – nach dem schmerzlichen Verlust mehrerer Sangesbrüder im Krieg – seine Vereinsfahne und weiteres Vereinseigentum abhanden kamen. Die Gegenstände befanden sich im Vereinszimmer der Gaststätte Kresken (heute Bontenackel) auf der Grefrather Straße. In den Kriegswirren verschwunden oder verbrannt – das war die seither erzählte Geschichte des Männerchores.

 


Geschichtlich ist der Sachverhalt nicht eindeutig aufzuklären, aber der Hergang ist plausibel. Für Oedt berichtet die Zeitzeugin Magda Dohr vom 2.März 1945:
„Es folgten Hausdurchsuchungen nach Soldaten, Uniformen, Waffen etc. In vielen Häusern fehlte danach einiges oder manches, was nichts mit Militär zu tun hatte.“

 


Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, das die amerikanischen Soldaten auch aus Süchteln-Vorst Privatgegenstände – anscheinend als Erinnerungsstücke – mitgenommen hatten.
Als der Gesangverein 2003 sin 150-jähriges Bestehen feierte, wurde die Geschichte mit Fakten gefüllt. Aus erzählter Geschichte wurde erlebte und gefühlte Geschichte.
Denn der US-Amerikaner Fred Warner, 1945 als junger Soldate in Deutschland, und seine Ehefrau Marian überreichten dem Verein die Fahne, die sie bis dahin in ihrem Besitz gehabt hatten.
Diese Fahne hatte der MGV zu seinem goldenen Jubiläum im Jahre 1903 angeschafft. Das Redemanuskript des Vorsitzenden des Festausschusses ist dem Verein erhalten geblieben.


„[Es] ist dem Verein nach reiflichem und aufopferndem Bemühen gelungen, das Vereinssinnbild durch eine neue Fahne nach außen hin zu dokumentieren … Im Anblick dieses kostbaren Kleinods geloben Sie sich feierlichst dasselbe zu betrachten als das Sanktum des Vereins, um das sich alle Angelegenheiten drehen.“


Eine erste Fahne hatte der Männergesangverein im Sommer 1883 zu seinem 30-jährigen Bestehen geweiht; über ihr Aussehen und ihren Verbleib ist nichts bekannt.


[FOTO folgt noch] 1903

So rückten auch die Fotografen der Jubiläumsfeierlichkeiten von 1903, 1913 und 1928 die Fahne von 1903 in den Mittelpunkt ihrer Abbildungen. Auf dem bordeauxroten Samt der Fahne ist ein goldener Schwan als Symbol deutschen Liedgutes und Chorgesangs vor dem Hintergrund der goldenen Lyra gestickt. Das Saiteninstrument gilt seit der griechischen Antike als Zeichen der Musik und Dichtkunst.


Wie die Fahne wieder nach Süchteln-Vorst kam


Der nachvollziehbare Teil der Geschichte der Jubiläumsfahne setzte sich nun jenseits des Atlantiks im US-Bundesstaat Maryland fort. Zwar hatten die Frauen der Vereinsmitglieder zum 100-jährigen Bestehen des MGV im Jahre 1953 eine neue Fahne gestiftet,  [SIEH FESTSCHRIFT 110 JAHRE] doch die Sehnsucht nach dem Stück von 1903 blieb nach wie vor bestehen.


In dem nur wenige tausend Einwohner großen Ort Cresaptown, 200 Kilometer westlich von Washington D.C .gelegen, betrieb Fred Warner ein „German Restaurant“, in dem typisch oder vermeintlich typisch deutsches Essen angeboten wurde. In Dirndl gekleidete Bedienungen servierten Schnitzel, Sauerkraut, Würste und Bienenstich. Fred Warners Eltern hatten die Gaststätte mit Biergarten 1928 gegründet.


1988 war der Auswanderer Leo Bereths, geboren in Overhetfeld, mit seiner Frau zu Gast in „Fred Warner’s German Restaurant“. Vor seiner Emigration hatte Bereths 1973 als 16-jähriger bei einem Sängertreffen die Geschichte vom Verlust der Süchteln-Vorster Vereinsfahne erfahren. Und nun, 15 Jahre später, sah er die Fahne in Fred Warners Lokal in Cresaptown.


Erst im Januar 2001 gelangte die Kenntnis von Existenz und Aufenthaltsort der Fahne nach Süchteln-Vorst. Im Internet suchte Leo Bereths nach Namensvettern in Deutschland und fand entfernte Verwandte in Born. Über Süchtelner Bekannte seiner Familienangehörigen aus Born erfuhr Leo Bereths, dass es den Gesangverein in Süchteln-Vorst noch gab. So entstand am Anfang 2001 ein Austausch per E-Mail zwischen Leo Bereths im US-Bundesstaat Maryland und dem MGV-Sänger Hans-Josef Heines in Süchteln-Vorst. Einen direkten Kontakt zu Fred Warner herzustellen gelang Bereths jedoch nicht. „Fred Warner‘s German Restaurant“ war verpachtet und Warner lebte in Florida. Unterdessen hielt Heines seinen Sangesbrüdern das Wissen um die Fahne vor. Er hatte im Hinterkopf, das sich die Vereinsgründung bald zum 150. Male jähren würde.


Beim Festakt zum 150. Jubiläum des MGV am 30.März 2003 zeigte Heines im Rahmen einer Ausstellung über die Vereinsgeschichte Fotos von der verschollenen Fahne, die Leo Bereths in Cresaptown aufgenommen und dann per E-Mail nach Deutschland geschickt hatte. Diese Nachricht verkündete dann auch die Jubiläumsfestschrift.


Beim Festakt erzählte Heines alles, was ihm bis dahin über den Verbleib der Fahne bekannt war, dem Protektor des Vereins, Peter Bröckskes. Der Süchteln-Vorster Unternehmer hatte die Schirmherrschaft über den Männergesangverein 1989 von seinem Vater geerbt. Bröckskes beauftragte daraufhin den Geschäftsführer der Niederlassung seiner Firma in New Jersey, Charles Simonet, damit, Kontakt zu Fred Warner herzustellen. Schon Anfang April konnte Bröckskes mit Warner telefonieren, der sich in Sarasota, Florida, zur Ruhe gesetzt hatte:
„Ich erzählte Fred am Telefon, das wir die Fahne gerne zu unserem 150-jährigen Jubiläum hätten. Auf seine Frage: „Für wie lange?“ Antwortete ich knapp und eindeutig: Für immer.“


Vier Wochen nach dem Telefonat sollte bereits das Jubiläumskonzert stattfinden.


Zwei Wochen vor dem Konzert erhielt Peter Bröckskes die Zusage der Warners, dass sie die Fahne an den Chor zurückgeben würden. Am 28.April flogen Bröckskes und Heines, die lediglich den Vereinsvorsitzenden Dieter Heyer eingeweiht hatten, nach Washington D.C. und trafen die Eheleute Warner in „Fred Warner’s German Restaurant“ in Cresaptown. Feierlich wurde der holzgerahmte Schaukasten samt Fahne abmontiert und nach Deutschland geflogen. Zwei Tage vor dem Jubiläumskonzert kam die Kiste mit der ideell so wertvollen Fracht in Süchteln-Vorst an.


Einen Tag später trafen Fred und Marian Warner ein.
Am 10. Mai 2003 feierte der MGV mit seinem Festkonzert sein 150-jähriges Bestehen.


Dabei gab Fred Warner in einer emetionalen Zeremonie den Sängern die vermisste Vereinsfahne zurück. Dazu hielt er eine kurze Ansprache auf Deutsch:
„ … Während der letzten vier Wochen haben wir unerwartet neue Freunde gewonnen. Das Wunder begann, als Peter Bröckskes uns in Florida anrief. … Als Josef Heines und Peter mich letzte Woche in Cresaptown besuchten, war ich schon der Überzeugung, dass die Fahne nach Süchlten-Vorst gehört. Ich fühle mich als Rheinländer. Denn der Ursprung meiner Famili lag 1749 im Rheinland. Präsident Kennedy sagte einmal: „Ich bin ein Berliner.“ Ich sage heute: „Ich bin stolz, ein Vorschter zu sein.“


So kehrte das „Sanktum des Vereins“ nach 48 Jahren nach Süchteln-Vorst zurück.


Die große Frage, wie die Vereinsfahne von 1903 nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die Vereinigten Staaten gelangt war, konnte selbst Fred Warner nicht beantworten. Er habe sie in einer Truhe seiner Mutter zwischen anderen Stoffen gefunden, berichtete er.


Dass diese eine Frage offen blieb, störte offensichtlich keinen der Sänger des MGV.


Die Männer waren glücklich und berührt, das verschollene Stück wieder in der Heimat zu wähnen. Aus der nur wenige Tage währenden Begegnung mit Fred und Marian Warner im Mai 2003 entstand für einige der Chorsänger und den Protektor des Vereins, Peter Bröckskes, eine innige persönliche Beziehung, die sie veranlasste, die Warners mehrfach in Sarasota, Florida, zu besuchen. Bei einem dieser Besuche überreichten Sänger des Männergesangverein 1853 Süchteln-Vorst Fred und Marian Warner eine Replik der Vereinsfahne, die nun einen Ehrenplatz im Wohnzimmer der Warners oder – in der Sonne Floridas – vor dem Haus Zeugnis einer einzigartigen Geschichte ablegt.


Im August 2006 starb Fred Warner im Alter von 82 Jahren. Seine Frau Marian erhält weiterhin viele Telefonanrufe und Briefe vom Niederrhein, die sie liebevoll beantwortet.

Die lange verschollene Fahne von 1903 hat zu ihrem 100. Geburtstag einander fremde Menschen zu Freunden gemacht.

Anmerkung:
Dieser Artikel erschien im „Heimatbuch des Kreises Viersen 2010“.

(Seite 121-126)
Vielen Dank an Herrn Dr. Rehm und Jens Krees für die Erlaubnis

diesen Text an dieser Stelle verwenden zu dürfen.


Heiko Haedicke - Januar 2010


 

 

 

 

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